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Grabatz in den 70er



Abriss, die Siebziger in Grabatz erlebt


Eigentlich wollte ich gar nicht nach Grabatz, im Herbst 1969. Ich hatte mich auf meinem alten Arbeitsplatz gut eingelebt und zu Schülern, Eltern und Kollegen ein gutes Verhältnis. Selbst die mangelhaften Verkehrsverhältnisse - der Ort hatte keinen Bahnhof und nur einen spärlichen Busverkehr - waren für mich kein Grund, mich nach einer anderen Stelle umzusehen und das Dorf zu verlassen. Aber der Agroingenieur, ein Sohn der Gemeinde, hatte gute Beziehungen zu den örtlichen Behörden und zur Partei. Seine Frau, frischgebackene Deutschlehrerin, sollte die Stelle des Deutschlehrers an der örtlichen Schule unbedingt bekommen, koste es, was es wolle. Sie bekam ihn, und ich mußte gehen. Nach Grabatz.

Obwohl dieser Wechsel für mich verkehrstechnisch eine ungeheure Verbesserung darstellte, kam ich mit sehr gemischten Gefühlen an meinen neuen Arbeitsplatz. Genau gesagt, ich kam recht ungern. Nicht nur, weil ich meinen vorherigen Schülern nachtrauerte. Mir war etwas mulmig zumute, wenn ich daran dachte, daß ich ausgerechnet in Grabatz gelandet war. Von den Grabatzern erzählte man sich in den Nachbargemeinden seltsame Dinge. Schon der allseits bekannte Spruch "Wer dorch Lenauheim kommt ohne gfoppt, dorch Bogarisch ohne geroppt un dorch Grawatz ohne gekloppt" deutete darauf hin, daß die Bewohner dieses Ortes bei Streitigkeiten und Auseinandersetzungen anscheinend nicht lange fackelten und schnell handgreiflich wurden. Darüber hinaus hieß es, die Grabatzer wären vorlaut und würden sich gern überall vordrängeln. Daß sie sportlich wären - "spartlich" spöttelten die Nachbarn in Anlehnung an die vielen a-Laute in der Grabatzer Mundart anstelle des üblichen o (z.B. Wart statt Wort, Tar statt Tor, Darscht statt Dorscht) - erkannte man zwar an, bemängelte jedoch, daß diese Tätigkeit von mehreren Grabatzer Bauern in den Vorkriegsjahren, als jeder noch seinen eigenen Grund und Boden besaß, der Arbeit auf dem Feld oft vorgezogen wurde, und das sogar in der Erntezeit. Man stelle sich vor: Tennis statt Drusch!

Kurzum, so lauteten die Vorurteile in den Nachbardörfern, die Grabatzer wären so ganz anders als die anderen Schwaben. Und Vorurteile halten sich bekanntlich hartnäckig über lange Zeiträume hinweg.

Aus all diesen Gründen kam ich also mit zwiespältigen Gefühlen und Erwartungen in den Ort. Doch wie so oft im Leben kam dann alles ganz anders als erwartet.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Grabatzer waren in der Tat etwas anders geartet als die Banater Schwaben im allgemeinen. Da war zum Beispiel ihr Temperament. Es war lebhafter als das der anderen Deutschen im Banat. Anfangs dachte ich, daß dies wohl auf einen besonders hohen Anteil von Siedlern aus dem bayerischen Raum zurückzuführen sei. Doch die Statistik der Einwanderer des 18. Jahrhunderts beweist, daß die Bayern, wie überall im "schwäbischen" Banat - im Gegensatz zum Banater Bergland - ebenfalls nur einen geringen Prozentsatz (etwa 4-5%) ausmachten. Dagegen fällt die sehr große Streuung und der ziemlich ausgeglichene Anteil der etwa 18 deutschen Provinzen auf, aus denen die Grabatzer Ansiedler kamen. Vielleicht läßt sich die Besonderheit des Grabatzer Temperaments auf diese Vielfalt zurückführen. Vielleicht aber waren die bayerischen Siedler in den zwei Jahrhunderten der Grabatzer Ortsgeschichte besonders kinderreich, so daß sich ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stetig vergrößerte. Jedenfalls gibt es einige Charakterzüge der Grabatzer, die sehr bayerisch anmuten.

Ich selbst empfand vieles von dem, was den Grabatzern andernorts als Mangel angekreidet wurde, als ausgesprochene Stärke, als Vorzug. Es erleichtert z.B. einem Lehrer den Zugang zu den Schülern ungemein, wenn diese ein aufgeschlossenes, lebhaftes Temperament haben. Schwerfälligkeit hingegen wirkt hemmend auf den Unterricht und erschwert darüber hinaus den Erziehungsauftrag des Pädagogen. Das lebhaftere Temperament machte sich während des Unterrichts durch rege Mitarbeit bemerkbar. Bei Schulfeiern, Ausflügen und anderen Veranstaltungen hatte ich keine Mühe, genügend freiwillige Teilnehmer zu finden. Ich erinnere mich heute noch daran, wie enttäuscht ich in einer anderen Banater Gemeinde war, als sich auf meinen Vorschlag hin zu wenig Schüler für einen vierzehntägigen Sommerausflug meldeten. Befragt, ob die Eltern ihnen aus finanziellen oder anderen Gründen die Teilnahme verweigerten, erhielt ich eine verneinende Antwort und die Erklärung, daß sie, die befragten Schüler, lieber zu Hause blieben.

Auffallend für mich war auch die Aufgeschlossenheit und Unkompliziertheit der Grabatzer. In einer weitgehend bäuerlich-konservativ geprägten Umgebung, die bisweilen puritanische Züge trug, war das nicht selbstverständlich, sondern die Ausnahme. In welcher anderen Banater Landgemeinde wäre es wohl möglich gewesen, ein Damenhandballspiel zu organisieren, bei dem die fünfzehnjährigen Töchter gegen ihre Mütter antraten? (Spielstand 8:1 zugunsten der Töchter).

Was die vorlaute Art und die angebliche Streitsucht betrifft, habe ich sie in all den Jahren in Grabatz nur ein einziges Mal unangenehm erlebt. Aber das hatte ich meiner eigenen jugendlich-pädagogischen Unerfahrenheit zuzuschreiben: Ich hatte während einer Elternversammlung auf Verlangen der Eltern die Noten sämtlicher Schüler aus dem Katalog (Zensurenbuch) verlesen. Statt die Eltern einzeln einen Blick in den Katalog werfen zu lassen, beging ich die Unvorsichtigkeit, die Zensuren im gewünschten Fach laut vorzulesen. Gefundenes Fressen für zwei scharfzüngige Damen aus der versammelten Runde! Sie warfen sich gegenseitig vor, ihr Sprößling würde von der betreffenden Lehrerin bevorzugt im einen Fall bzw. benachteiligt im anderen Fall. Die gute Note einerseits und die weniger gute andererseits wären also ungerecht und nur der Voreingenommenheit der betreffenden Lehrkraft zuzuschreiben.

Ich hatte erhebliche Mühe, die beiden streitbaren Damen zu beschwichtigen. Obwohl die Grabatzer, wie alle Banater, Mundart sprachen - und hier ist der bayerische Einschlag unverkennbar: ich hab Enk gsagt; sie hat gflennt; mir ham gfrogt, a Stickl Brot, a Glasl Honig, drei Täg - war das Verhältnis der Schüler zur Hochsprache unverkrampft. Sie betrachteten den Unterschied zwischen den beiden Sprachformen nicht als unüberwindbare Kluft, sondern eher als eine sportliche Hürde, die man mit einiger Geschicklichkeit einigermaßen mühelos bewältigen konnte. Kurzum, die Grabatzer Schüler taten sich mit dem "Herrischen", wie man im Banat die Schrift- oder Hochsprache nennt, weniger schwer als anderswo. Dies, im Verein mit dem bereits erwähnten offenen, lebhaften Temperament, erleichterte den Lehrern den Unterricht wesentlich.

Redegewandtheit und Aufgeschlossenheit, gepaart mit Freude am Gesang, Sport und Spiel fanden ihren geballten Niederschlag in verschiedenen kulturellen Veranstaltungen. Immer wieder fielen dabei Schüler und Jugendliche durch ihr ausgeprägtes schauspielerisches Talent auf. Sie hätten zweifellos als Schauspieler eine erfolgreiche Karriere machen können, hätten sie diese Laufbahn eingeschlagen.

Die sprachliche Gewandtheit und Anpassungsfähigkeit vieler meiner ehemaligen Gabatzer Schüler fand in der neuen Heimat ihre Bestätigung durch die akzentfeie Aneignung der jeweiligen regionalen Umgangssprache, sei es nun württembergisches Schwäbisch, oberbayerisches Bajuwarisch oder unverfälschtes Pfälzisch.

Was die Sportlichkeit betrifft, fand ich auch diese Eigenart der Grabatzer immer wieder bestätigt. Da waren die vielen Sportwettkämpfe mit anderen Schulen, aus denen die Grabatzer meist als Sieger hervorgingen. Ob Fußball, Handball, Leichtathletik oder Tischtennis, die Grabatzer Schüler mischten überall in den ersten Rängen mit. Zwei Sportlehrerinnen, die eine aus dem Nachbarstädtchen Hatzfeld, die andere aus der Provinzhaupstadt Temeswar, versuchten vergeblich, ein paar besonders gute Sportler aus unserer Schule abzuwerben. Die erste wollte eine unschlagbare Leichtathletiktruppe aufbauen und mit ihr die höchsten Siegertreppchen erklimmen. Natürlich unter eigener Regie und unter Hatzfelder Flagge. Die andere, eine hohe Sportfunktionärin, wollte die Temeswarer Handballschülerauswahl mit einigen sehr guten Grabatzer Spielerinnen verstärken und mit einer unbesiegbaren Mannschaft im nächsten Jahr in der ganzen Provinz und vielleicht sogar in der Hauptstadt Bukarest angenehm auffallen. Natürlich ebenfalls unter eigener Führung und unter Temeswarer Flagge. Es wurmte diese Frau ganz gewaltig, daß unsere Mädchen, unter meiner Regie, die hochfavorisierte Mädchenhandballmannschaft aus der Provinzhauptstadt im Endspiel um die Banater Schülermeisterschaft geschlagen hatten (1975). Und das trotz eines parteiischen Schiedsrichters und massiver moralischer Unterstützung der Temeswarerinnen durch die anwesenden Sportfunktionäre, deren Kopf eben die besagte Dame war. (Das Publikum hingegen, darunter auch die von uns besiegten Mannschaften mit ihren Trainern, war ausnahmslos auf unserer Seite). Abgesehen von ihrer Parteilichkeit, die sie während des Finales offen zeigte - sie war im Schiedsrichtergremium und ihr Verhalten somit regelwidrig - hatte diese zielstrebige und energische Frau jedoch gute Umgangsformen und eine recht sympathische Art. Trotz der aus ihrer Sicht sehr bitteren Niederlage konnte sie ihre Bewunderung für unsere Spielerinnern nicht verbergen. Im Anschluß an das so spannende und kampfbetonte Endspiel mit seinen vielen Siebenmeterstrafschüssen und Hinausstellungen beglückwünschte sie mich zu dieser Mannschaft und machte mir und den Mädchen entsprechende Komplimente. Aber ihr Ziel, einige unserer Spielerinnen für die kommende Spielsaison abzuwerben, erreichte sie trotzdem nicht. Stolze Schlußbilanz nach 270 Spielminuten gegen neun Mannschaften: 102:17 Tore. Mit gerundeten Zahlen ausgedrückt heißt das: Unsere Mädchen schossen im Schnitt 11 Tore pro Spiel und kassierten gleichzeitig nur knapp 2 Tore. Bei jeweils verkürzten Spielzeiten von 2 x 15 Minuten heißt das weiter, die Grabatzer schossen alle zweieinhalb Minuten ein Tor, kassierten aber nur jede Viertelstunde selber eins. Lauter haushohe Siege also!

Heute weiß ich: Mir konnte im Herbst 1969 nichts Besseres geschehen als meine unfreiwillige Versetzung nach Grabatz. Es waren sieben schöne, arbeits- und erfolgreiche Jahre für beide Seiten.

Ich möchte sie nicht missen, die Zeit in Grabatz mit den Grabatzern.

Helmfried Hockl, Okt. 2006 - © HOG-Grabatz

Erstellt: 13.04.2014

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