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Auszug aus dem Beitrag "225 Jahre Grabatz" in der Banater Post 1993



Auszug aus dem Beitrag "225 Jahre Grabatz" in der Banater Post 1993


Es war September 1768 als, als die ersten Siedler ihre fertigen Häuser in Empfang nahmen. Administrationsrat Johann Wilhelm von Hildebrandt hatte das Dorf ohne Zutun der späteren Siedler erbaut. So hatte auch Grabatz von Beginn an den Ruf eines Musterdorfes, was aus einer Bittschrift zu ersehen ist, die 1769 von 40 auf Ansiedlung hoffenden Neusiedlerfamilien an die Wiener "Kaiserliche-Königliche Ministerial Panco Hoff Deputation" gerichtet wurde. Darinnen heißt es unter anderem: "Dahero seind wir auch schon vor sechs Wochen in das besagte Temesvarer Panat gekommen und da wir befördersamst befunden, daß die Collonisten in dem neuen Dorf Grabatz, wo die Leuthe dem besten von allen anderen Ortschaften vermög unsrer wahren Bauren Einsicht in deren guten Häusern und Feldbau angesiedelt versorget werden..."

Wie auch in anderen neuangelegten Dörfern bildeten die Kirche mit dem Pfarrhaus, Schule, Gemeindeamt und Wirtshaus den Mittelpunkt des Dorfes. Von hier aus sollten in vorbildlicher Weise die Geschicke, wie auch das Seelenleben der Neusiedler gelenkt werden, galt es doch die aus verschiedenen Teilen des Reiches Gekommenen zu einer Gemeinschaft zusammenzufügen.

In die Zeit dieses Alajos Mateovits fallen auch die ersten Versuche der Madjarisierung. So begann er im Jahre 1842 damit die Namen in den Kirchenregistern ungarisch zu schreiben. Aus dem Johann wurde ein Janos, aus der Elisabeth eine Erzsebet. Um das Einverständnis der Betroffenen wurde nicht gefragt. Nach der Revolution 48/49 gab es für die Menschen in dieser Hinsicht eine Atempause. Obwohl die Ziele, welche durch die Petition an den Kaiser erhofft wurden, nicht in Erfüllung gingen, trat trotzdem ein Jahrzehnt der Ruhe ein. Und dieses Jahrzehnt kann man wohl für die Banater Schwaben als das bedeutendste des 19. Jahrhunderts ansehen. Das "Varoshaza" hieß nun wieder Gemeindehaus, die "Wiener Morgenpost" und der "Telegraph" wurden in Grabatz gelesen, der Bauer wurde Herr auf Boden, welchen er bearbeitete. Aber auch die Erbteilung des Besitzes war nun möglich. Das führte zu liberalem Denken uud leider auch zu stetigem Geburtenrückgang. Durch die Wiedereinverleibung des Banats an Ungarn wurden die alten Praktiken schrittweise neu erprobt. Zwar wurde das auslaufende 19. Jahrhundert als goldene Zeit gepriesen, dies war aber mehr dem wirtschaftlichen Aufschwung zugedacht, der geringen Wohlstand mit sich brachte. Aus dem Tagebuch des Josef Neurohr erfahren wir, daß artesische Tiefbrunnen den Gesundheitszustand der Grabatzer zusehends verbesserten, daß neue Maschinen angeschafft wurden. Grabatz hatte sich einen Dachziegelofen und eine Baumschule eingerichtet. Die Pferdezucht blühte. Man stellte auf den Ausstellungen in Budapest aus. Für ein edles Rassepferd bekam man den Gegenwert für 1 Joch Feld. 1889 wurde der Feuerwehrverein neu gegründet mit 95 Aktiven, der Männergesangsverein mit 30 Sängern. In dieser Zeit wurde in Grabatz auch der Bauernverein gegründet, der fortan eine bedeutende Rolle im Geschehen des Ortes spielen sollte.

Josef Neurohr verdanken wir auch die Erhaltung eines Briefes aus Deutschland, der hier auszugsweise bekannt gemacht werden soll. Johann Felix Neurohr, Hatzgasse 15, Konstanz am Bodensee war der Schreiber. Datum: Jahreswechsel 1890/91. Beruf: Kernmacher in der Gießerei und Maschinenfabrik Konstanz. Alter: 33 Jahre

"Liebe, theure Cousins! Zuerst wünsche Anfang des neuen Jahres allen meinen lieben Cousins und Cousinen sowie allen Verwandten, daß der Allmächtige Glück und Gesundheit in Ihrer Behausung walten lassen möge und somit ihr Leben in freudenvolle und nicht dem Elend, wie es bei uns der Fall ist, gestaltet...Welche Freude Sie uns mit ihrem werthen Porträt bereiteten, davon können Sie sich gar keinen Begriff machen. Ja nicht blos eine große Freude haben Sie uns bereitet, sondern wir bauen auch alle Ehre darauf, besonders ich Briefschreiber als gleichaltriger Stammessprosse, einem so respektvollen Stamm anzugehören... Aus Ihren so werthen Zügen des Bildes glaube ich unsere Charaktereigenschaften zu erkennen, Geschicklichkeit, Muth und Energie ... Mein lieber Sie schreiben mir auch, daß man bis jetzt bei Ihnen überall deutsch gelesen und geschrieben habe, aber jetzt im Begriff sei, mit der Magyarisierung vorwärts zu schreiten. Dabei glaube ich, werde ihre Regierung auf dieselben Mißlichkeiten stoßen wie die Deutschen mit der Germanisierung von Elsaß-Lothringen..."

Über das Grabatz, das sich als Vorreiter im wirtschaftlichen Leitbild Banater Ortschaften sah, dürfen Hinweise zu diesem Zweig nicht fehlen, denn erst der wirtschaftliche Fortschritt machte es möglich die geistig-kulturellen Ansprüche zu befriedigen. Schon im 19. Jahrhundert wurden die ersten Zuchtstiere und Rinder eingeführt. In dieses von wirtschaftlichem Aufschwung beseelte Grabatz kam um die Jahrhundertwende ein Lehrer, Mathias Sauer, der als Grabatzer angesehen wurde, da sein Vater ein Grabatzer Kind war. Er sollte zum Wegweiser in Sachen Landwirtschaft werden. 1912 wurde das Herdbuch für Rinderzucht angelegt. Über dieses Grabatz schreibt Wilhelm Brevis, Grabatzer Pfarrer und Schriftsteller, im Jahre 1908 in die "Historia Domus" : "Hier gefällt es mir, hier will ich bleiben!" - "Was das Volk betrifft, muß ich, wenn ich aufrichtig sein will, einsteils loben, andererseits tadeln. Sein Fleiß ist hervorragend, sein Fortschritt steht vielleicht an erster Stelle in ganz Ungarn. Die Feldarbeit wird mit den neuesten Maschinen getan. Es wird alles gemacht, um das Feld zu verbessern. Schon seit langer Zeit betreibt man die Viehzucht mit aus der Schweiz eingeführten Zuchtstieren. Auch die Pferdezucht ist erstklassig und beide Zuchtarten tragen zur Hebung des materiellen Standes bei. Es ist wahr, politisch gehören sie zwei Lagern an. Eine, die die gegenwärtige Regierung unterstützt, und die 48er-Partei. Die letztere ist größer, das findet aber seine Erklärung nicht in der Begeisterung für die Freiheit, sondern der dem Schwaben angeborenen Widersetzungslust. Trotzdem ist die Gemeinde in der Gemeinde- und Wirtschaftspolitik einig. Die Gemeindewahlen verlaufen nach der vorhergehenden Feststellung ganz ruhig. Die Gemeinde hat den Ruf einer Mustergemeinde und sie ist es auch. Dazu trägt auch viel bei, daß sowohl die Regierung als auch das Komitat sie als Liebkind behandeln. Wenn das Ackerbauministerium oder der Komitatsbauernverein sich etwas ausdenken, um den Ackerbau oder die Viehzucht vorwärtszubringen, melden sich gleich die Grabatzer und schöpfen den Rahm ab. Na, sicher zahlt es sich für solche Vorteile aus, den Wagen der Regierung vorwärts zu schieben..."

Aus den Erinnerungen des Michael Neurohr, der zu den Gründern der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland gehörte, sei hier folgendes angemerkt: "Grabatz war als Zweigstelle der Gestüte gefragt,die immer eine Anzahl wertvoller Hengste in dem Ort stationierten. Als der berühmte Hamburger Neurologe Max Nonne in Grabatz zu Besuch weilte, belief sich die Zahl der Hengste auf 14. Dazu gesellten sich 18 Simmentaler Stiere und 25 Zuchteber."...

Mit der deutschbewußten Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg, die den wirtschaftlichen Aufschwung als Grundlage hatte, kam auch für das geistig-kulturelle Wertschaffen eine einzigartige Blütezeit zum Tragen. Die vielen Vereine standen in einem steten Wettbewerb, was den Wertzeiger nach oben trieb. Da waren die beiden Männergesangsvereine und der Cäcilienchor (gemischter Chor), die die Gesangslandschaft voll ausfüllten. Die Tillschneidersche Musikkapelle war weit über den Ort hinaus bekannt. Den größten Zuspruch fanden aber die Theatervorstellungen, die dem wohl anspruchsvollen Grabatzer Publikum so manchen Leckerbissen vorsetzten. Hier war der Blick über den Ort hinaus nach Hatzfeld gerichtet, wo Professor Linster Regie führte. Da wollte man in Grabatz doch nicht zurückstehen. Singspiele und Operetten waren an der Tagesordnung. Dabei wurde für Balletteinlagen sogar ein Tanzlehrer verpflichtet. Hier nur einige Titel aus jener Zeit, wo Michael Bauer die Leitung innehatte: "Das Liebesnest", "Dreimädelhaus", "Neckar, Lenz und Liebe", "Der wilde Horst", "Singvögelchen", "Rosel im Schwarzwald", "Theobald der Unbeweibte". Letzteres mußte in Hatzfeld sogar zweimal aufgeführt werden. Aber auch im Sport zeigte Grabatz Leistung. Die Sportfeste waren einfach wundervoll. Leichtathletik und Fußball waren die Schlager. Aber auch von den Pferderennen, die vom Schwäbischen Landwirtschaftsverein patroniert wurden, brachten die Grabatzer stets Preise mit. Die in Grabatz geborenen Kurt und Wolfgang Sokol brachten es im Nachkriegsrumänien im Zehnkampf und im Speerwurf zu Landes- und Balkanrekorden. Hans Rosenzweig war Schach-Landesmeister bei den Amateuren. Grabatzer Wissenschaftler auf Weltniveau waren: Hochschulprof. Karl Gaul, Dr. Dr. -Ing. Anton Zwergal und Prof. Dr. Johann Gerger. Grabatzer Abkömmlinge wie Prof. Rainer Küchl und Rainer Schmidt sind heute Musiker von Weltruf. ...

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in welcher laut kommunistischer Ideale eine sozialgerechte, klassenlose Gesellschaft entstehen sollte, war für die verbliebenen Garbatzer Deutschen ein Leben unter ständiger Bedrückung. Das Dorf hatte die deutsche Prägung verloren, zumal die Deutschen nun in der Minderheit waren. Doch innerhalb der deutschen Bevölkerung waren fast alle Anzeichen von Klassenunterschieden gewichen. Eine neue Oberklasse war entstanden, die herrschende Klasse, die dem Staate und der Partei verhalf ihre Ziele in die Wirklichkeit umzusetzen. In ihr waren Deutsche nur ausnahmsweise vertreten. Sie gehörten zum großen Teil einer unteren Klasse an, der Klasse der Rechtlosen, die erst wieder (z.T.) 1954 sich staatsbürgerlicher Rechte erfreuen durfte. Die materielle Not der arbeitenden Menschen ließ es zumeist nicht zu, sich mit Belangen zu beschäftigen, die außerhalb leiblicher Notwendigkeiten angesiedelt waren.

Die NS-Zeit ist jüngste Vergangenheit und noch gut im Gedächtnis der heute schon Älteren. Für Grabatz brachte sie Umstellungen, die man hier nicht eingehend behandeln kann. Anstelle der freien Wahl trat die Ernennung von oben. Doch muß man für Grabatz die Umsicht des Ortsgewaltigen gelten lassen, der bemüht war, die Amtswalter aus allen Bevölkerungskreisen heranzuziehen. Doch die Nachahmung reichsdeutscher Parteipraktiken wurde von vielen mit Skepsis und Verwunderung aufgenommen und mancher fragte sich, ob dies die deutsche Art wäre, das Gesicht des deutschen Mutterlandes, für welches man immer gewillt war, auch Opfer zu bringen. So waren Volksbeitrag und Winterhilfe wohl die kleineren Lasten, für die man -mit einigen Ausnahmen- ohne Murren aufkam. Aber die drückende Bevormundung mit tiefen Einschnitten bis ins Familienleben, die rüde Art der Befehlsdurchsetzung trugen dazu bei, Verdrossenheit und Mißbehagen hervorzurufen, die schließlich in einer Auflehnung gegen diese Machenschaften gipfelten. So grüßte man die "Oberen" nicht mehr mit dem verpflichtetenden "Deutschen Gruß", sondern demonstrativ mit dem grabatzerischen "Gutnowed". Man nannte den "Andreas Schmidt" unter Gleichgesinnten nur noch "Kovacs Bandi" (ung. Übersetzung), wobei manche dem "i" noch ein "t" anhingen. Eine Gruppe Jugendlicher verlegte ihr Betätigungsfeld aus dem Kulturhaus in die "Spitz" und beantwortete das Kirchweihverbot zu Beginn der 40er Jahre mit mitternächtlicher Auslegung des "Maiebooms". (Wer die "Übeltäter" waren, konnte trotz eifriger Bemühungen niemals aufgedeckt werden.) Auch die Turbulenzen bei der W-SS-Aktion in Grabatz sprechen eine deutliche Sprache. Und dennoch, man hat sich gefügt, man mußte sich fügen, denn Ausnahmen bestätigen die Regel. Es waren nur einige Jahre, aber die Auswirkungen und Folgen waren katastrophal: Ein Schrecken ohne Ende! Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs blieb eine größere Anzahl Grabatzer in Deutschland. Ihnen war das Schicksal wohl gnädiger als den in der alten Heimat Verbliebenen und den Wiederheimgekehrten. Letztere setzten ihre Hoffnung auf ein Neubeginn, der im Vertrauen auf das Königshaus möglich schien. Doch weit gefehlt! Die Rußlandverschleppung, die restlose Enteignung des deutschen Vermögens, der Verlust der Bürgerrechte, die Baraganaktion, sie haben mit anderen repressiven Willkürakten, -wobei die Unterwanderung als Hauptübel herausragt,- die Vertrauensbasis auf ein Fortbestehen unseres Volkes im Banat zunichte gemacht. Es kam ein Dahinvegetieren, das fast ein halbes Jahrhundert andauerte. Das traurigste Kapitel in der Geschichte der Banater Schwaben hatte begonnen.

Wenn es ein Ziel für die leidtragenden Deutschen gab, dann war es einesteils, die Möglichkeit zu haben diesem Inferno zu entrinnen, denn an den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes glaubte keiner mehr. Bei der Überbrückung dieser Zeitspanne galt es nun, soweit möglich das Leben in erträgliche Bahnen zu lenken, dabei die Klarsicht und die Hoffnung nicht zu verlieren. Und die Grabatzer haben dies in erheblichem Maße getan. Dabei steckten sie den Kopf nicht in den Sand, sondern versuchten aus den jeweiligen Gegebenheiten das Beste zu machen, um Volkstum und Zusammenhalt zu stärken. Zuerst wurde, in Ermangelung anderer Möglichkeiten, der Sportverein zum Träger der Umsetzung dieses Aufgabenbereiches. Alte deutsche Theaterstücke wurden aufgeführt ("Der blauseidene Strumpf", "Der Meisterboxer"). Die Inszenierung oblag dabei dem altbewährten Regieführer Michael Bauer. Doch allzubald mußte dieser wegen politischer Anfeindungen das Handtuch werfen. Doch unsere Aktivität ging weiter. Eine Aufführung des "Meisterboxers" 1950 in Gottlob sollte jedoch Endstation dieser Art von Kulturübermittlung sein, denn ein Mitglied des Parteirayonskomitees Hatzfeld, welches bei der Vorführung anwesend war, beschlagnahmte das Rollenbuch und befahl mich, der ich kurzerhand die Leitung übernommen hatte, für den nächsten Tag zur Parteihochburg nach Hatzfeld, wo nach einem halbstündigen Kreuzverhör mir jede weitere Aktivität auf kulturellem Gebiet untersagt wurde.

Die Angst hatte sich breit gemacht. Die Baraganverschleppung und die Kollektivierung der Landwirtschaft erschütterten die anfänglichen Lichtblicke. Das Kulturheim hatte jegliche kulturelle Tätigkeit übernommen, wobei Wert auf gemischtsprachige Veranstaltungen gelegt wurde, die jedoch von den meisten Bewohnern nicht angenommen wurden. Es folgten schließlich ein Leerlauf und dann wieder sporadische Aufführungen der Lehrerschaft, die aber als politisch neutral eingestuft werden können. Auch das Temeswarer Deutsche Staatstheater machte immer wieder Abstecher nach Grabatz, doch wegen der vorgeschriebenen Stückezahl zauderte das Grabatzer Publikum mit seiner Anwesenheit. Zwischen 100 und 200 lag die Zahl der Grabatzer Besucher. Erst in den 70er Jahren sollte eine Änderung in dieser Hinsicht eintreten, als nach einem langen Leerlauf der Vertreter des Kulturheims an mich herantrat, um die Bühne in Grabatz mit deutschem Programm zu beleben. Mein Vorschlag, die Wiederaufführung des Meisterboxers zu gestatten, wurde ohne Widerspruch angenommen. Wir hatten zwar kein Rollenbuch, doch die früheren Mitwirkenden -"Der Meisterboxer" hatte schon zwei Inszenierungen in Grabatz erlebt - erstellten aus dem Gedächtnis ein neues Rollenbuch, wobei auch neue aussagekräftige Passagen Einzug fanden, die die Lacheffekte noch steigern konnten. ... Über 550 Karten wurden imVorverkauf vertrieben. Eine zweite Aufführung mußte anberaumt werden. So sahen weit über 1000 Menschen aus Grabatz diese Aufführung. Es muß nicht unbedingt die Leistung der Laienspieler gewesen sein, die jedenfalls ausgezeichnet war, sondern möglicherweise auch der stumme Protest der Grabatzer, die mit ihrem Erscheinen die Geschlossenheit der deutschen Bevölkerung demonstrierten. Für mich jedenfalls war es mein schönstes Erlebnis in Sachen Laientheater, weshalb diese Episode auch aus den Geburtstagserinnerungen zum 225. nicht wegzudenken ist. Nachträglich noch Dank auf diesem Wege den Grabatzern, die mit dieser Willensbekundung damals unseren Glauben an das Gute gestärkt, uns Mut gaben auf diesem Wege fortzufahren.

Eine andere schöne Erinnerung sind die Schwabenbälle und Kirchweihveranstaltungen, die auch während der kommunistischen Herrschaft niemals zu Trachtenschauen verschiedener Nationalitäten herabgewürdigt wurden. In den 60er Jahren hat Hans Harle viel zu derer volksbewußter Ausrichtung beigetragen. Bedauerlich ist jedoch, daß diese für das Volksbewußtsein so notwendigen Veranstaltungen von dem Bestreben um die Vormachtstellung der Musikkapellen überschattet wurden. Der Höhepunkt dieser Veranstaltungen war wohl das Jubiläumskirchweihfest 1980, zweihundert Jahre seit der Einweihung der Grabatzer Kirche. Für die 56 Paare wurden umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Weit über den Rand des möglichen war man dabei gegangen. (Die Veranstaltung ist weitgehend auf Band festgehalten.) Nur eine kleine Kostprobe dazu. Zu den Gitarrenklängen des "Gefangenenchors" von Verdi, aus der Oper "Nabucco", wurde von einem Kirchweihmädchen folgender Vers gesprochen:

"Mich drückt die Fülle ehrvoller Gedanken,
die totgeboren in mein Ich gedrungen,
die hilfesuchend Seele, Herz umschlungen,
nun stumm durchs Labyrinth des Dunkels wanken.

Und Lippen die vom Licht der Liebe tranken,
dies Lied von treu und Redlichkeit gesungen,
das längst im Schicksalssturm der Zeit veklungen,
sie schweigen angstgebunden, sind befangen.

Und Worte eingeschüchtert flügellahm,
verkriechen sich in dunkle Straßenecken,
den Mann, der ihnen Freud am Fluge nahm,
mit seinem Argwohnsinnen nicht zu wecken.
Das Raunen, das als noch vom Winde kam,
verebbt, verfängt sich hinter leeren Säcken."


Manche fürchteten die Folgen, die nach solchen Worten kommen müßten. Doch es geschah nichts, wir waren unter uns. Gott hat seine schützende Hand über das Häuflein unerschrockener Grabatzer gehalten, die für die Ausrichtung verantwortlich waren. Es war dies auch schon der Anfang des Abschiednehmens. Ceausescu hatte eingewilligt seine Deutschen zu verkaufen. Immer mehr erlegten die verlangten Summen. Zu Ostern 1982 gab es im Kulturheim noch die große Volkskunstausstellung mit 36 Grabatzer Hobbykünstlern. Zu Jahresbeginn 1984 verabschiedete der Pfarrer in einer tiefschürfenden Predigt wieder sechs Familien. Auch die meine war dabei. Die Jahreswende 1989/90 brachte mit dem Sturz Ceausescus den Menschen die Freiheit. Nur mehr wenige Deutsche leben heute in Grabatz. Es laufen Arbeiten zur Erhaltung des Friedhofs und zur Restaurierung des Dnekmals, auf welchem außer den Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgezeit auch ein Hinweis für spätere Besucher stehen soll:

"Nach diesem Opfergang sind die meisten Deutschen wieder in ihr Mutterland zurückgekehrt. Beim Abschied segneten sie die Erde, die ihrem Volksstamm über zwei Jahrhunderte Heimat war."

Jakob Dietrich, Okt. 2006 - © HOG-Grabatz

Erstellt: 14.04.2014

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